… mit Umsteigen in Kassel und Frankfurt

In der zweiten Junihälfte war ich für fünf Tage Langzeitbereitschaft eingeteilt, und wie immer wollte ich diesen Dienst nutzen, um möglichst viel mit dem Segelflugzeug in die Luft zu kommen. Wegen der immer noch unklaren Situation in Lübeck und der räumlichen Enge in Wahlstedt stehen derzeit Discus und Bergfalke „Opa Hermann“ in Waldeck.
Nachdem ich am Montagmorgen des 20. Juni aus Miami in Frankfurt angekommen bin, treffe ich mich um 12:30 mit Jens am Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe, und eine gute halbe Stunde später erreichen wir den Flugplatz Waldeck. Schnell ist der Bergfalke vorbereitet und Sigi zieht uns in den nordhessischen Himmel. Toll ist das Wetter nicht, aber für eine knappe Stunde Thermikfliegen reicht es noch. Danach reicht es mir. Wir machen auf dem Flugplatz Quartier, es ist sehr einfach, aber völlig ausreichend, und ich bin jetzt doch sehr müde.
Das Wetter spielt in den folgenden Tagen nicht so richtig mit. Entweder gibt es Überentwicklungen, Ausbreitungen oder zerrissene Blauthermik, und da wir keine Lust haben, mit dem Bergfalken aussen zu landen, halten wir uns nur in Platznähe auf und sind manchmal viel zu schnell wieder unten.
Erholsam sind die Tage dennoch, das Frühstück im „Pfannkuchenhaus“, dem zum Restaurant umgebauten Bahnhof von Netze ist reichlich, und abends helfen wir uns mit Grillkohle und Bratwürtsen selber weiter. Das Fußballspiel gegen Nordirland können wir uns dankenswerter Weise im Vereinsheim des TSV Netze ansehen und abends noch lange draussen sitzen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.
Viel früher als erwartet meldet sich mein Arbeitgeber. Die Personaldecke ist knapp, und ich soll am Freitagmittag den Flug nach Delhi durchführen. Wenig später klingelt das Telefon erneut, und die freundliche Kollegin vom Besatzungseinsatz versucht mich zu überreden, schon am Donnerstagabend nach Hong Kong zu fliegen. Nach dem Studium der Vorhersagekarten für das Deutschlandwetter gelingt ihr das schließlich auch.
Am späten Donnerstagvormittag machen Jens und ich noch einen Start „ins Blaue“, aber der Wind ist viel zu stark und die Konvektionsschicht noch viel zu niedrig, um einen ausgedehnten Flug unternehmen zu können. So schieben wir „Opa Hermann“ nach einer Stunde wieder in den Hangar, decken ihn gut zu, und bald darauf setzt Jens mich wieder am Bahnhof Wilhelmshöhe ab.

Ich habe noch Zeit, mich während der Bahnfahrt mit den Besonderheiten der Luftstraße „Lima triple eight“ erneut vertraut zu machen, denn der Weg nach „Honk“ führt über das Dach der Welt, und da sind ein paar Besonderheiten zu beachten.
Um 20:30 Uhr trete ich frischgeduscht (in Waldeck haben wir uns mit Regenwasser gewaschen) und endlich auch wieder frisch rasiert meinen Dienst an, und um 22:13 Uhr legt LH 796 fast pünktlich (hinter uns stand LH 778 nach Singapur im Weg) vom Flugsteig A 62 des Frankfurter Flughafens ab.

Morgens noch 500 kg Fluggewicht und die Suche nach ein wenig Blauthermik, abends fast 500 Tonnen und ein über viele tausend Kilometer exakt vorhergeplanter Flug über höchste Gebirge. Morgens ein Instrumentenbrett mit vier Rundinstrumenten und jede Menge Zugluft, abends ein vollklimatisiertes Cockpit mit allem, was der „Junge im Manne“ sich wünschen kann.

Der Anflug auf Hong Kong wegen der Zeitverschiebung am nächsten Nachmittag ist grandios, denn die Luft ist für Südostasien außergewöhnlich klar. Wir werden weit im Süden um Hong Kong Island herumgelotst, da nach Westen gelandet wird, das Panorama ist überwältigend. Fünf Minuten nach Plan (wegen des langen Anfluges und diesmal einer im Weg stehenden B 777 von Cathay Pacific) stelle ich auf der Parkposition E 15 die vier Rolls-Royce Motoren ab und kann 420 Passagiere wohlbehalten aus meiner Obhut entlassen.

Hong Komg empfängt uns mit 30°C und der typisch hohen Luftfeuchtigkeit. Abends trifft sich fast die halbe Crew zum Essen beim Thai, und auf dem Rückweg ins Hotel lasse ich die Eindrücke dieser brodelnden Metropole ein noch wenig auf mich einwirken.

Was für ein Kontrast:
D-0380 gegen A 380, Waldeck Flugplatz gegen Hong Kong International, das nordhessische Bergland gegen das Dach der Welt und Sigis Zelt gegen das „Renaissance Harbour View“.
Beides hat seinen Reiz und wie gut, dass ich mich nicht für das eine und gegen das andere entscheiden muß – noch nicht, aber der Tag wird kommen und mir die Entscheidung abgenommen werden.
Bis dahin werde ich es geniessen.
In Deutschland regnet es – wie gut, dass ich in HKG unter Palmen im Hotelgarten sitzen kann …