Zurück in die Zukunft“ oder „Vorwärts in die Vergangenheit“ ?

Eher letzteres, denn von Itzehoe nach Hundested dauert es mit dem Stieglitz bei 70 Knoten Reisefluggeschwindigkeit etwa zweieinhalb Flugstunden, Flugzeuge können nur vorwärts fliegen, und es war eine wunderbare Veranstaltung über unsere nähere Vergangenheit.
Aber der Reihe nach.

Pavl Toft, den ich bei der Oldtimerkunstflug“weltmeisterschaft“ in Stauning kennengelernt hatte, hatte mich im Frühjahr angeschrieben und auf die Veranstaltung aufmerksam gemacht. Nahe Hundested an der Nordküste der dänischen Hauptinsel Seeland sollte über Pfingsten ein Treffen der „üblichen Verdächtigen“ (oder Verrückten) stattfinden, bei dem historische Apparate zu Lande, zu Wasser und in der Luft zusammengebracht werden sollen. Die Bilder von der Debutveranstaltung im Vorjahr waren sehr vielversprechend, und so hatte ich freudig zugesagt.

Als Fliegersmann muss man ja immer bis zuletzt bangen, ob der Dienstplan einem die Teilnahme an Veranstaltungen aller Art ermöglicht, aber es hat geklappt, und ich sollte über Pfingsten frei haben.

Am Freitag, dem 18.Mai habe ich den ganzen Tag mit der Vorbereitung des Flugzeuges zugebracht. Ein neues Funkgerät war eingebaut worden, Öl musste noch gewechselt werden, der Abschmierplan war noch zu erüllen und alle Betriebsstoffvorräte zu ergänzen. Auch musste ich noch drei Landungen absolvieren, bevor wieder jemand mitfliegen durfte, denn ich war tatsächlich länger als 90 Tage nicht mehr mit dem Stieglitz geflogen, da das neue Funkgerät mit der 8,33 kHz Rasterung noch nicht eingebaut war.
Alles funktionierte prima, und ich gab für den Folgetag für 11.00 Uhr Ortszeit einen Flugplan nach Maribo auf Lolland auf. Meine Astrid und ich hatten keine Lust, den ganzen Ritt in einem Rutsch zu absolvieren, und wenn wir den Fehmarn Belt hinter uns hätten, dann wäre die schwierigste Etappe schon geschafft.

Wegen des Wetters am Sonnabendmorgen mit tiefer Stratusbewölkung haben wir uns Zeit gelassen. Mit etwa 45 Minuten Verspätung sind wir dann gestartet und haben unter den immer noch recht niedrigen Wolken Kurs auf Neumünster genommen. In nur 400 m Höhe fühle ich mich in einmotorigen Flugzeugen aber nicht wirklich wohl. Hinter Neumünster lockerte der tiefe Stratus allmählich auf, so dass wir ihn übersteigen konnten. Die Sonne schien wegen einer mittelhohen Abschirmung aber immer noch nicht auf uns hernieder, doch je weiter wir an Plön und dem Bungsberg vorbei Richtung Fehmarn vorankamen, desto dünner wurde der Schirm über uns. Wir stiegen ganz allmählich weiter, und als wir Fehmarn überflogen, waren wir bei strahlend blauem Himmel und bester Sicht fast 1.500 m hoch. Ich wollte auch dann, wenn der Motor in der Mitte des 18 km breiten Fehmarn Belts stehen bleibt, auf jeden Fall noch an das eine oder andere Ufer segeln, also mindesrens 9 km weit gleiten können, um den einen oder anderen rettenden Strand oder gar eine gemähte Wiese erreichen zu können.
Natürlich war es da oben ziemlich frisch, aber wofür gibt es lange „Ünnerbüxen“?
Maribo Flyveplads kam in Sicht, ich meldete uns bei Copenhagen Information ab und gab die erklommene Höhe allmählich wieder auf. Nach etwa einer Stunde und zwanzig Minuten landeten wir wohlbehalten auf der Piste 09 des kleinen Flugplatzes, auf dem ich vor Jahren auch schon mit der Ju gelandet bin.

Während des Sinkfluges habe ich Rødby Havn etwas gedankenversunken von oben betrachtet. Im inneren Hafenbecken zwischen hellblauen Fischkuttern mit Spitzgattheck und Ofenrohr als Auspuff des Rohölmotors und den wenigen zu der Zeit anzutreffenden Segelyachten bin ich mit dem Beiboot der elterlichen „Thalatta“ zum Stolz meines Vaters und mit den mich begleitenden Sorgen meiner Mutter schon vor 50 Jahren als Kapitän unterwegs gewesen und habe den Weg in die Ferne gesucht …

Astrid und ich schälten uns aus den engen Pilotensitzen des Stieglitz, und wie immer ging mein erster Blick auf den Vorderteil des Rumpfes, um den Öl“verbrauch“ zu beurteilen. Zu meiner großen Freude war die Flugzeugnase sehr sauber, und der Peilstab bestätigte einen ungewöhnlich niedrigen Ölverlust. Wunderbar, alles andere sah auch gut aus – Kaffeepause und ein Smørrebrød in der Flugplatzkneipe.

Nach einer knappen Stunde drehte ich die Anlasserkurbel durch, und Astrid öffnete die Drosselklappe ein wenig. Schon nach wenigen Arbeitshüben blubberte der Siemens mit 700 – 800 Umdrehungen pro Minute vor sich hin. Nach ein paar Aufwärmminuten schob ich den Gashebel an den vorderen Anschlag, und der zweite Teil der Reise begann. Über Maribo und Sakskøbing hinweg ging es in Richtung Vordingborg und über Smålands Fahrwasser auf die Insel Seeland. Allmählich musste ich die Sicherheitshöhe wieder aufgeben, denn zunächst in 2.500 und dann in 1.500 Fuß Höhe erstreckt sich der nach meinem Empfinden viel zu groß bemessenene Anflugsektor von Kopenhagen über die Landschaft. Kurz vor Ende der Reise wurde es nocheinmal spannend, und während wir uns weiter nordwärts voranarbeiteten entwarf ich einen Plan B für den Fall, dass sich das Gewitter, das sich vorhersagegemäß vor uns aufbaute, weiter in Richtung Hundested gezogen wäre. Tat es aber nicht, wir durchflogen noch einen Schauer, der Flieger wurde gewaschen, und wir erreichten bei strahlendem Sonnenschein die Nordküste der Insel Seeland. Das Festgelände war leicht auszumachen, und auch der kleine Sonderflugplatz zwischen Baumreihe und Fjordstrand war gut zu erkennen. Wir überflogen das Festgelände im Gegenanflug, und als wir im Queranflug tiefer kamen, konnten wir auch riechen, dass wir hier richtg waren. Die Luft roch öl- und kohleschwanger – in diesem Fall ganz wie erhofft. Der Endanflug gestaltete sich nicht ganz einfach, da der frische Nordwind über die Baumreihe hinweg blies und kräftige Leewirbel erzeugte. Sehen konnte ich die Piste wie üblich auch nicht, und mit 500 m ist sie auch nicht übertrieben lang. Aber ich fliege ja auch nicht erst seit gestern. Der Flieger rollte aus, und wir wurden auf den Parkplatz Nummer 10 zwischen einer gelben Piper Cub und einer altehrwürdigen, durch und durch britischen Tiger Moth eingewunken. Pavl mitder blauen Stampe war auch schon da und das Hallo groß.

Wenig später trafen auch Karin und Christine Hartl ein, so dass nun auch die Bodenmannschaft (mit Auto zur Unterkunft) komplett war. Wir schlenderten erstmal über das Gelände und bestaunten Dampfwalzen, Dampftrecker, Dampfautos, alte Autos, Motorräder, lauschten den Geräuschen und nehmen die Gerüche auf. Freßbuden und Klamottenhöker gab es natürlich auch hier im Überfluß, aber alles machte einen tiefentspannten Eindruck. Das mag ich so an den Dänen. Es gibt keine Absperrungen – nirgendwo. Die, die mit den tonnenschweren Dampfwalzen über das Gelände fuhren, wussten, dass es dort Fußgänger gab und man langsam fahren musste. Die, die zu Fuß über das Gelände gingen, wussten, dass es dort tonnenschwere Dampfwalzen gab, und man vorsichtig gehen musste. Und – nichts ist passiert. In Deutschland hätte es einer Zulassung zur Veranstaltung bedurft, und Hundertschaften von Wichtigtuern in Warnwesten hätten sich aufgeblasen und allen Spaß im Ansatz erstickt. Danke, liebe Dänen, dass Ihr immer wieder den Beweis antretet, dass es auch anders und besser geht.
Später am Nachmittag schwang ich mich nocheinmal in die Lüfte und tanzte mit dem Stieglitz zum Gaudium der Zuschauer ein wenig an Himmel. Dann wurde der Flieger verpackt, und es gab endlich ein Tuborg Øl. Aaah, das pääärlt.
Irgendwann am späten Abend fuhren wir ins Quartier, wechselten zu Rotwein und dänischen Spezialitäten, bevor wir unter dem Eindruck einer akuten Frischluftvergiftung selig dahindämmerten.

Am nächsten Morgen bin ich erst gegen neun Uhr morgens aufgewacht, eine für mich völlig ungewöhnliche Zeit und Ausweis eines tiefen und erholsamen Schlafes. Bis wir am Flugplatz eintrafen, war es auch schon 12 Uhr, und der Tag brachte wieder viele neue Eindrücke. Ich machte ein paar Gastflüge, tanzte das Kleeblatt am Himmel, flog mit Pavl und der Stampe in Formation und bezahlte das Nachtquartier mit einem Rundflug für unseren Gastgeber John und seine Frau.

Karin und Christine fuhren nach Kopenhagen ab, um den Flug nach Frankfurt um 19.00 Uhr zu erreichen und Astrid und ich in Johns 59er Cadillac in unsere Herberge. Die Nachbarn machten ein Gartenfest, und wir waren herzlich eingeladen. Klaus, der Hausherr nebenan, sammelt BMW Motorräder, und so konnte Astrid in Erinnerungen an ihre R 26 schwelgen.
Das „Abendmahl“ war – wie immer wenn Dänen feiern – opulent, und so gegen zehn Uhr am Abend schleppten Astrid und ich uns in unsere Betten. Die Dänen haben wohl noch stundenlang weitergefeiert, aber aus Rücksicht auf uns sehr leise. Ich mag unsere nördlichen Nachbarn!

Am Montag fuhr John uns um zehn Uhr wieder zum Flugplatz, wir nahmen ein leichtes Frühstück ein und bereiteten den Flieger anschließend für den Rückflug vor.
Diesmal haben wir Maribo überflogen, denn wenn wir dort wieder aufsteigen würden, müssten wir viele Kreise drehen, bis wir die notwendige Höhe zum Überfliegen des Belts erreicht hätten. Also stieg ich ab Næstved langsam wieder auf 1.500 m Höhe. Die Sicht war gigantisch. Nach dem Start war Kopenhagen zu erkennen, dann Køge und die Kreidefelsen der Insel Møn.
Wir flogen in respektvoller Höhe an Femø und Fejø vorbei über Lolland hinweg, erreichten wieder bei Rødby Havn den Belt, und als ich ab Mitte des Belts langsam wieder anfing, die Höhe aufzugeben, merkten Astrid und ich deutlich, dass es allmählich angenehm warm wurde. Unser Ziel war der kleine Flugplatz Grube und waren die Freunde des LSC Condor, bei denen wir einen Kaffee trinken wollten. Bei klarem Wetter und strammem Ostwind plumpste der QAX nach 01:45 h Flugzeit in die Wiese, und wir stellten ihn am Rande des blühenden Rapsfeldes am nördlichen Platzrand ab. Großes Hallo und große Tasse Kaffee, und dann ging es mit viel Rückenwind und entsprechend kurzer Flugzeit auf die letzte Teilstrecke zurück nach Itzehoe.

So gut wir derzeit hat der QAX noch nie funktioniert. Der Motor läuft seidenweich, ich bin in Hundested sogar darauf angesprochen worden, weil kundige Ohren das hören können. Der Funk ist klar, und das Intercom ermöglicht zum ersten Mal überhaupt eine völlig mühelose Verständigung zwischen Pilot und Passagier.
Wir putzten den Flieger noch und bereiteten ihn auf den nächsten Einsatz vor. Dann kaufte Astrid auf dem Heimweg noch Spargel ein, und während ich zu Hause den Papierkram erledigte, wuselte Astrid in der Küche und bereitete dem Ausflug einen traumhaften Ausklang mit Schinken, Spargel, Kartoffeln und Weißwein.
Es hätte alles viel schlimmer kommen können !