Warum heißt das Wiehengebirge Wiehengbirge? Na, weil es von weitem wie ein Gebirge aussieht.
Oft habe ich es von weitem gesehen. Wenn man aus der norddeutschen Tiefebene kommt und mit südlichem Kurs westlich am Hannoveraner Luftraum vorbeifliegt, dann sieht man es schon von weitem, wie es einen Wechsel der Landschaftsform ankündigt. Auch der Durchbruch der Weser an der Porta Westfalica ist deutlich auszumachen. Und auch einen schönen Flugplatz, Porta Westfalica EDVY gibt es da.
Auf dem Segelfluglehrerlehrgang in Oerlinghausen im Frühjahr habe ich erste Erfahrungen im Hangfliegen gemacht und seitdem steht fest, dass ich die als sagenhaft beschriebenen Möglichkeiten zum Hangflug am Wiehengebirge auch einmal ausprobieren möchte. Der Herbst bietet sich dafür an.

Zum Hangfliegen braucht man nur Wind aus der passenden Richtung. All die vielen Parameter, die über das Entstehen und die Qualität von Thermik entscheiden, verlieren an Bedeutung, so daß die Vorhersage der Hangflugmöglichkeit relativ einfach ist. Man muß nur die Vorhersagekarten der Luftdruckverteilung betrachten, und sobald sich nach dem Isobarenverlauf der Bodenkarte frischer Wind aus der richtigen Richtung ankündigt, kann man planen. Die Wolkenbasis braucht auch nicht sonderlich hoch zu sein, und Regen braucht man auch nicht, das war’s dann aber auch schon.

Dieser Sommer war vom Wetter her für Segelflieger zweigeteilt. Im April, Mai und Juni gab es viel Thermik, im Juli ließ es deutlich nach, und seit Ende Juli war nur an ganz wenigen Tagen Streckenflugwetter. So stand der Discus seit dem 10.07. in Waldeck ungenutzt im Hänger.

Für den 15. September kündigte sich aber eine zum Hangfliegen geeignete Wetterlage an. Ich habe dann noch viel herumtelefoniert und mich bei einigen „Freaks“ versichert, dass die Bedingungen stimmen sollten. An diesem Tag fuhren Jens und ich dann sehr früh nach Waldeck, um den Discus abzuholen und nach Porta Westfalica zu bringen. Als wir dort gegen 13.30 Uhr eintrafen zogen grade die letzten Wolken eines breiten Regenbandes ab, das uns schon die Laune verdarb. Als dann noch die heimischen Segelflieger sagten, dass es in einer halben Stunde sicher losginge, steckten wir den Discus schnell zusammen und nach einigen weiteren Tips der lokalen Segelflieger hing ich um Punkt 14.00 Uhr hinter dem Vereinsmotorsegler zum Flugzeugschlepp. Der Schlepp war nur kurz, und nach wenigen Minuten klinkte ich am Kamm des Wiehengebirges nördlich vom Flugplatz aus – und es ging aufwärts.
Ich machte die ersten „Gehversuche“ und stellte schnell fest: das ist wahrlich kein Hexenwerk! Steigwerte zwischen 2 und 5 m/s ließen die Bodennähe schnell zur Nebensache werden, die alte Weisheit bewahrheitete sich: der Wind kann nicht in den Berg hinein, er muß darüber hinweg und nimmt dabei ein jedes Segelflugzeug mit.
Meine Schenkel (nicht die Beine) wurden länger, und bald hatte ich die 17 km bis zur ersten Windung des Wiehengebirges in der Nähe von Lübbeke erkundet. Dann traute ich mich, das erste Mal über die Weser an die Ostseite der Porta zu springen, auch das war ganz einfach, denn der deutliche Höhenverlust konnte drüben angekommen sofort wieder ausgeglichen werden. Nun ging es durch den Rand der Kontrollzone von Bückeburg mit Freigabe weiter nach Osten, bis die Lücken im Hang größer wurden und wieder eine Wende anstand. Und dann immer hin und her.
Bald bekam ich spitz, dass man in etwa 200 m über dem Grat recht komodig entlang fliegen kann. Die Geschwindigkeiten bewegten sich dabei so um 120 km/h, flog man langsamer, stieg das Flugzeug mit etwa 1 m/s, flog man schneller, sank man bei bis zu 150 km/h ein wenig. Ging man weiter auf die Luvseite des Hangs, konnte man erheblich schneller fliegen. Im Luv unter Hangkante ließen sich leicht 170 – 180 km/h im Geradeausflug erreichen. Allerdings war der Flug hier sehr unruhig. Die nicht gerade glatten Hänge lösen doch viele Verwirbelungen aus, und der Flug wurde bisweilen sehr turbulent. Auf Dauer kann das für das Flugzeug nicht gut sein, zumindest erhöht es den Verschleiß nachhaltig. Bisweilen hat es ausgesprochen harte Schläge gegeben, wenn man eine Einschnürung des Hanges überflog.

Inzwischen hatte sich auch bestes Rückseitenwetter eingestellt, mit glasklarer Sicht und sonnigen Abschnitten. Das Fliegen wurde zum Hochgenuß. Ich musste keinen Augenblick ans Obenbleiben denken, der Hang trug immer und überall.

So flog ich dreieinhalb Stunden immer hin und her, und die Sorge, daß das irgendwann einmal langweilig wurde, bestätigte sich nicht. Ich hätte das noch bis zum Dunkelwerden weitertreiben können, aber am nächsten Tag sollte ich in einer naderen Gewichtsklasse nach Peking fliegen und mußte ja erst noch nach Hause und dann am nächsten Morgen nach Frankfurt anreisen. Der Endanflug auf Porta Westfalica war dann auch noch einmal spannend. Ich hatte vor dem Endanflug noch etwas Höhe „getankt“ und flog direkt auf die Graspiste 23 an. Da der Wind inzwischen aber auf 25 – 30 Knoten (ca. 50 km/h) aufgefrischt hatte, war die Gleitzahl zum Platz ausgesprochen mau, und ich hatte kaum Überschußhöhe.

Schnell war der Flieger im Hänger verpackt, und die Auswertung des Fluges ergab etwa 100 km weniger Strecke, als ich vermutet hatte. Der große Vorhaltewinkel, den man wegen des strammen Seitenwindes über dem Hang fliegen muß, verringert die Grundgeschwindigkeit doch nachhaltig. Am Ende waren es „nur“ etwas über 200 km Strecke. Das ist noch ausbaufähig. Um aber einen ersten Eindruck zu bekommen, war das ein herrlicher Flug, und die Zeit der Herbststürme kommt ja erst noch. Der Discus steht jetzt in EDVY, und wieder studiere ich täglich die Wetterkarten. Südsüdwestwind so um 15 – 20 Knoten mindestens wird gebraucht, und beim nächsten Mal würde ich gerne schon früh am Morgen starten und lange durchhalten. Eine ganz wunderbare Art, die Saison zu verlängern, und – nächstes Jahr, wenn der Hänger für „Opa Hermann“ fertig ist, werde ich das Vergnügen wenn auch dann sehr viel gemächlicher, mit einem Sozius teilen. das Ziel : 300 km im Bergfalken!


Die Bilder vermitteln hoffentlich einen Eindruck, es war aber nicht immer leicht, die Kamera still zu halten.
Danke an Jens, der mir geholfen hat, diesen Tag zu erleben, und danke an die Kameraden aus Porta, die uns sehr freundlich empfangen und bei allem unterstützt haben – das war erst der Anfang !