… es geht nur anders weiter!

Seit ich am 06. August 1980 meinen Dienst an der Verkehrsfliegerschule der Deutschen Lufthansa AG am Bremer Flughafen angetreten habe, hat die Fliegerei mein Leben bestimmt. Dass dieses Fliegerleben so facettenreich, so spannend und auch so herausfordernd werden würde, konnte ich damals auch nicht ansatzweise ahnen. Die meiste Zeit habe ich an das allbekannte „höher, weiter, schneller“ gedacht. An die erste Uniform als Copilot, an die nächste Umschulung, an die Kapitänswerdung, an den Wechsel auf die Langstrecke und daran, eines Tages Kapitän auf dem größten je gebauten Passagierflugzeug zu werden. Und dann? Dann kommt nur noch der Abschied. Wie würde das sein? So ganz ohne Dienstplan, ohne ferne Länder, den Weg dorthin, die Anspannung, die mir immer Stimulanz gewesen ist, und zugegeben, auch ohne die vier goldenen Streifen an der Uniformjacke und die goldene Kordel an der Kapitänsmütze. Aber zunehmend spürte ich auch die Zeitverschiebungen, die Nachtflüge und die Abwesenheit von zu Hause. Mein Berufsleben hat immer woanders als zu Hause stattgefunden, hatte nie auch nur irgendeine Regelmäßigkeit außer der Unregelmäßigkeit – und das wurde ganz allmählich doch zur Last. Dann sind da ja auch noch all die anderen Dinge, die man noch machen und erleben will, bevor man es nicht mehr kann. Und dann ist da auch noch das Privileg einer sehr stattlichen Übergangsversorgung, sozusagen des Ruhestandsgehaltes bis zum Erreichen des gesetzlichen Rentenalters. Und dass mir so einiges in der Luftverkehrswelt nicht mehr passt, bzw. sogar erheblich gegen den Strich geht, habe ich ja geflissentlich schon erwähnt. So kam eines zum anderen, und in der Summe reifte im Sommer 2018 der Entschluss, dass es ein Ende haben soll. Die über 55jährigen Piloten der Lufthansa können sich in jedem Jahr bis Ende August entscheiden, ob sie am Ende des Monats, in dem sie im Folgejahr Geburtstag haben, ausscheiden wollen. Wenn ja, geben sie die „EVA“ ab, die Erklärung des Vorzeitigen Ausscheidens. Hab’ ich gemacht – und mich mit jedem Tag besser damit gefühlt.

Mein Umfeld konnte und wollte das gar nicht glauben, aber ich meinte es ernst, und der Entschluss war eh nicht mehr rückgängig zu machen. Ein letztes Mal der Kampf um Urlaubsgewährung zu den gewünschten Terminen, ein letztes Mal der Kampf um einen Heiligen Abend im Kreise der Familie, ein letztes Mal Kampf um freie Tage für den Osterlehrgang, usw. usw.
Und so fand der Abschied scheibchenweise statt. Mit jedem Flug ließ die Lust etwas nach, gewann die Vorfreude auf die Selbstbestimmung des Zeitplans, der Einteilung der Aktivitäten und auf das eigene Bett die Oberhand. Es begann die Planung für das „Leben danach“.

Üblicherweise werden Kapitäne, die ein Berufsleben lang in Diensten der Deutschen Lufthansa gestanden haben, mit ein wenig Brimborium verabschiedet. Das wollte ich aber nicht, denn zu verschieden waren die Auffassungen meiner Vorgesetzten und mir darüber geworden, was ordentliche Lufthansa-Arbeit ist. Ich wollte einen leisen Abschied, morgens früh ankommen und einfach verschwinden. Die Party sollte da stattfinden, wo es anschließend weitergehen soll, denn davon, dass ich der Fliegerei den Rücken kehre, war nie die Rede.
Den Rest erledigte der Kalender.

Am Dienstag, dem 23. Juli 2019, hatte ich meinen 59. Geburtstag, natürlich ohne dienstliche Fliegerei. Am Sonnabend, dem 27. Juli sollte meine Abschiedsparty auf dem Flugplatz Wahlstedt stattfinden. Da blieben zum Fliegen nur Mittwoch, Donnerstag und Freitag, und da wiederum blieben nur New York und Delhi als Zielflughäfen übrig. Bei aller Begeisterung für Delhi, aber wenn man auch noch Angehörige mitnehmen will, ich meine liebe Astrid und mein Erster Offizier Philipp seine Nicole, dann doch lieber New York. LH 400 FRA – JFK und LH 401 JFK – FRA. Und wenn es einen Langstreckenklassiker der Deutschen Lufthansa gibt, dann LH 400.

Den letzten Flug kann man sich nämlich wünschen, dazu den Co und drei Mitglieder der Kabinenbesatzung. Beim Co war es sofort klar, Philipp Schröder aus Hamburg sollte es sein. Wir kennen und schätzen uns schon lange, waren gemeinsam mit dem Frachter unterwegs, und Philipp war auch dabei, als ich eben in New York „Officer Rasheed“, einen überaus impertinenten Grenzbeamten nach Strich und Faden zur Sau gemacht habe, was erstaunlich lange sein Verhalten den Kollegen gegenüber ausgesprochen positiv beeinflusst hat. Philipp war auch sofort einverstanden und hat sich sehr gefreut, mir bei meinem letzten LH-Flug zur Seite stehen zu dürfen. Und bei den Mädels in der Kabine half der Zufall ein wenig mit. Sammy, eine Stewardess, die ihren ersten Flug mit mir nach Miami hatte, und die zünftig und kräftig, aber doch sehr herzlich unter meiner Regie „verarscht“ worden ist, bekam Wind davon und bat mich, eben wegen ihres ersten Fluges mit mir auch bei meinem letzten Flug dabei sein zu dürfen. Na, wenn man so nett angelächelt und gebeten wird, wird man auch als alter, manchmal als etwas knorrig und schroff wahrgenommener Kapitän schwach. Und weil es schon damals bei ihrem Jungfernflug so einträchtig mit der Purserette, der Chefstewardess oder wie ich zu sagen pflege, der „Oberschwester“ zusammenpasste, bat ich auch die, mit dabei zu sein, was sie freudig annahm. Die dritte im Bunde war meine Segelfliegerkameradin „Störegöre“, die sich diesen Spitznamen bei ihren Karrierebemühungen außerhalb der Kabine durch insistierendes Nachfragen nach allerlei wirklich wichtigen Dingen zu jeder Tages- und Nachtzeit redlich erarbeitet und verdient hat. Dann kamen noch zwei Mädels dazu, die davon gehört und ihren monatlichen Hauptwunsch dafür eingesetzt hatten.

Der engere Kreis der „Reisegruppe Captain Cordes“ bestand also aus Captain, First Officer, Purserette, vier Stewardessen, einer Ehefrau und einer Freundin, dazu aus Karin, der „Flugplanerin meines Vertrauens“, die auch gerne mitgekommen wäre, ihren Streckenerfahrungsflug aber schon im Vorjahr mit mir ebenfalls nach New York gemacht hatte. Sie brachte sich auf andere Weise ausgesprochen segensreich ein.

Mein letzter Einsatz begann also an meinem Geburtstag morgens um 11:08 Uhr auf dem Lübecker Hauptbahnhof, wo meine Astrid und ich den Regionalexpress nach Hamburg bestiegen. In Hamburg trafen wir uns mit Nicole und Philipp und setzten die Reise an den Main mit dem ICE fort. Lange im Voraus gebucht und mit Sitzplatzreservierung ist das deutlich entspannter als eine Reise mit dem Flugzeug auf Warteliste. In Frankfurt bezogen wir Quartier in einem „Budget-Hotel“ direkt am Main, trafen dort auf Karin und „Störegöre“ und wanderten am Main entlang zum Gasthaus am „Eisernen Steg“. Es war so heiß, dass wir es vorzogen, in der Gaststube zu speisen. Mit einsetzender Dunkelheit und nach einem bleifreien Weizen in einem Biergarten am Ufer des Mains flanierten wir am Fluss entlang zurück zur Herberge.

Die arme Karin musste am nächsten Morgen schon um vier Uhr aus den Federn, denn sie hatte sich entgegen ihren Neigungen für den Frühdienst einteilen lassen, um mir meinen vorletzten Flugplan zu erstellen. Es gab dann, was gar nicht mehr üblich ist, auch ein persönliches Briefing. Philipp hatte angeboten, mir beide Flüge zu überlassen, aber da es mir an Landungen sowieso nicht mangelt, und die „3 in 90 Tagen“ – Regel für mich bezüglich des A380 sowieso bedeutungslos werden würde, ließ ich ihn gerne westwärts fliegen. Das Kabinenbriefing fand ohne Besonderheiten statt, denn ich hatte die eingeweihten gebeten, nichts zu verraten.
Wir gingen also wie gewohnt an Bord und traten die Reise in die Neue Welt an.
Unterwegs kam die „Oberschwester“ wie üblich immer mal wieder vorbei und merkte an, dass es vielleicht doch nicht so ganz klug sei, der Besatzung nichts von meinem Abschiedsflug zu verraten, irgendwie spürten es alle.


Also trat ich nach der Landung, die bei bestem Wetter und pünktlich auf der Piste 04R stattfand, vor meine Crew und erklärte, dass es mein Wunsch sei, diesen letzten Flugeinsatz mit den auserwählten Kolleginnen und Philipp, mit meiner Astrid und seiner Nicole ganz in Ruhe und ohne großes Tamtam zu erleben, was auch anstandslos akzeptiert wurde.
Wir trennten uns nach der Einreise vom Gros der Crew und nahmen den „Skytrain“ zum Terminal 5. Von dort gelangt man per Fußmarsch zum TWA – Hotel, in dessen Innenhof eine der drei Super Stars steht, die Lufthansa 2008 erworben hatte. Es war die Maschine, die in Auburn vor der Halle stand und als Muster für die aufzubauende Connie diente, und durch die ich auch schon mehrfach gekrochen war. Der Hotelbetreiber hatte sie nach dem unrühmlichen Ende des Projektes erstanden, nach New York JFK bringen und als Café herrichten lassen. Die Bilder zeigen, wie schön das gelungen ist.
Wir waren angekündigt und wurden überaus freundlich empfangen. Im Inneren des als Salon hergerichteten Flugzeuges gab es für den „retiree“ und seine Crew ein Glas Champagner, und dieses eine Mal hatte ich kein Problem damit, in Uniform ein Gläschen mit meiner Crew zu trinken. Ich erzählte meinen Gästen, was es mit der Connie im Allgemeinen und mit dieser im Besonderen auf sich hatte, und dass wir, wären wir am Morgen mit der Connie in Frankfurt gestartet, jetzt etwa kurz vor Neufundland wären. Es wurden noch viele Erinnerungsfotos gemacht, das schönste ist von Philipp und mir aus dem Cockpit, das extra für uns geöffnet wurde.
Zurück am Terminal 1 wartete ein Kleinbus auf uns, den der Stationsleiter für mich organisiert hatte und brachte uns ins Hotel nach Brooklyn.
Verpusten, Frischmachen und Abmarsch zum Abendessen stand auf dem Programm und so gegen 19 Uhr Ortszeit (01 Uhr am nächsten Morgen deutscher Zeit) machten wir uns auf den Weg zu Harriet’s Rooftop am East River neben der Brooklyn Bridge, wo ein Tisch reserviert war.

So bummelten wir durch das an dieser Stelle schon fast kleinstädtisch wirkende Brooklyn und erreichten nach etwa 20 Minuten das Hotel. Guter Gastgeber, wie ich sein wollte, wetzte ich vorweg, um alles zu arrangieren, ja, wunderbar, alles perfekt – aber dann. Da war diese Glastür im Wege, die ich nicht gesehen hatte. Der Einschlag war heftig, ich ging zu Boden wie ein getroffener Boxer und blutete an der Stirn. Über der rechten Augenbraue entstand in unglaublich kurzer Zeit eine Beule, die aussah, als hätte ich da ein Taubenei versteckt. Der Hotelmanager eilte herbei und genehmigte der Rezeptionistin sogar, einen Krankenwagen zu bestellen. Ohne Worte, nicht die Art des Unfalles, sondern das Budget scheint dafür ausschlaggebend zu sein…..
Im Krankenwagen musste ich ein paar Tests absolvieren und schriftlich bestätigen, dass ich nicht zur Notschlachtung in ein Hospital eingeliefert werden wollte. Und natürlich meine Kreditkarte durchziehen. An Party war jetzt nicht wirklich zu denken, deswegen fuhren Astrid und ich zurück ins Hotel, damit ich mir einen Eiswickel auf den Kopf legen konnte. Die anderen habe ich bekniet, sich den wunderschönen, lauen Abend nicht entgehen zu lassen, und der Restaurantmanager, in Angst vor einer 10 Millionen Dollar Klage, lud die Crew in den VVIP Bereich ein, wo sie einen schönen Abend erlebten. „Störegöre“ jedoch zeigte sich ihrem Kapitän gegenüber solidarisch und ging nicht feiern. Das war wirklich nett, aber das wollte ich wirklich nicht.

„Hoch ist hier mein Weib zu preisen,
denn ein Wickel Würfeleis(en),
auf den heißen Kopf gebracht,
hat es wieder gut gemacht!“

Man fürchtete sich schon davor, dass ich am Donnerstag nicht würde fliegen können, aber ich bin mit einer Heilhaut gesegnet, die selbst ein abbes Bein an einem Tag wieder anwachsen lässt. Und wenn ich mich krankmelden würde, spekulierten die anderen, dann sicher so spät, dass kein Ersatzkapitän die LH404, den Abendflieger von Frankfurt nach New York, erreichen würde, dann könnten wir alle einen Tag länger in New York bleiben – das haben die mir tatsächlich zugetraut. Aber nix, Dienst ist Dienst und wird bis zum letzten Tag gewissenhaft und pflichtbewusst abgeleistet!

Immer noch leicht verbeult (ich) trafen wir uns am nächsten Morgen bei wunderbarem Wetter zum Frühstück im „Riverside Café“. Ein toller Ort, ein leckeres Frühstück, aufmerksames Personal und die Silhouette von Manhattan vis à vis – ein schöner Tag begann.

Danach ging es zurück ins Hotel für ein Nickerchen vor dem Rückflug.

LH 401, wieder von Karin perfekt geplant, war einer der ruhigsten, schnellsten und reibungslosesten Flüge meiner Karriere über den Nordatlantik. Es schien fast so, als wollte das Schicksal für all die Unregelmäßigkeiten, Verspätungen, Wetterprobleme, technischen Ausfälle, Krankheitsfälle an Bord und sonstige Unbill Abbitte leisten. Wir legten mit voll besetzter Maschine neun Minuten vor Plan vom Flugsteig ab, rollten ohne anhalten zu müssen auf die Piste 22 R und begannen den Startlauf. Scheinbar mühelos erhob sich der Riesenvogel in die Luft. Ich schaltete alle manchmal hilfreiche, manchmal nervige Automatik ab und genoss es zum letzten Mal, einen A380 nach dem Start in eine 180° Linkskurve zu legen, um nach Nordosten, Richtung Europa zu drehen. Links unter uns New York JFK, dann Long Island und rechts der Nordatlantik. Je höher wir stiegen, desto mehr nahm der Rückenwind zu, bis er in 37.000 ft ungefähr 130 Knoten erreichte, ohne den Flieger auch nur einmal unsanft zu schütteln. So sausten wir an Boston, an Halifax und an Gander vorbei Irland entgegen. Immer noch ungefähr 600 Knoten schnell und völlig ohne Turbulenz. Nachdem wir die North Atlantic Crossing Clearance erhalten hatten, schreib ich noch ein free-text-Telex an „Gander Oceanic Control“ und bedankte mich am Ende meiner Laufbahn für die immer hochprofessionelle Betreuung durch Menschen, mit denen ich Jahrzehnte lang vertrauensvoll zusammen gearbeitet, die ich hundert Mal gehört, aber nie gesehen hatte.  Gander antwortete mit den besten Wünschen. Dasselbe wiederholte sich auf der anderen Seite des Atlantiks mit „Shannon Oceanic Control“ und als wir an Maastricht übergeben wurden, begrüßte uns  der Lotse mit „Lufthansa 401 Super, Ihr Rufzeichen wurde geändert, Sie heißen jetzt Lufthansa Charlie-Charlie-One“! Da hatte doch jemand gepetzt ?!? Mein alter Freund Capt. Georg Kohne, langjähriger Flugbetriebsleiter auf der Ju und der Connie, der zusammen mit Burkhard Jacobfeuerborn (pensionierter Jumbo-Kapitän, der immer für einen Schabernack gut ist) auf dem Weg von Kapstadt nach Frankfurt war, hatte das per Telex eingefädelt.
Im Anflug kredenzte mir „Störegöre“ das Rührei, über das wir schon seit Monaten gefrotzelt hatten und dann begann mein letzter Anflug auf Frankfurt Rhein Main International Airport. Alles lief wie immer, außer dass die Lotsen sich mit guten Wünschen verabschiedeten. Die Landung war nicht meine sanfteste, aber sie erfüllte alle Kriterien einer ordentlichen Niederkunft. Als wir von der Bahn rollten, schniefte Philipp ein wenig und wollte mir nicht so recht glauben, dass ich das ganz gelassen, ja völlig entspannt erlebte. Am Flugsteig angekommen, leuchtete nach 3m, 2m, 1m , 0,5 m eine freundliches „BYEBYECC“ von der Andockhilfe, Motoren aus, 49 Minuten vor Plan, eine letzte parking-checklist und dann noch ein Foto in der Ersten Klasse. Jaja, kaum, dass man demissioniert hat, werden einem die Insignien der Macht entrissen (s. Foto). Meine Kapitänsmütze!!!
So ganz war es mir dann trotz der sehr frühen Ankunft doch nicht gelungen, das Begrüßungskommitée abzuschütteln, und so wurde ich von guten, langjährigen Freunden, die sich sehr früh aufgemacht hatten, mit einem Gedicht und vielen warmen Worten empfangen.
Dann habe ich meine Uniform für immer ausgezogen, aber auch das viel mir nicht sonderlich schwer.


Die Heimreise diesmal per Flugzeug bis Hamburg und dann mit dem Zug nach Lübeck verlief ereignislos, die Hälfte haben wir eh verschlafen.

Der Sonnabendmorgen begann mit dem Abholen des „Stieglitz“ aus Itzehoe. Natürlich wurde er als Kulisse für meine Ausstandsfeier auf dem Flugplatz Wahlstedt gebraucht, und auch der Norddeutsche Rundfunk kam dazu und berichtete. So entstand ein wunderbarer Beitrag über einen, der heimflog, das Leben künftig in kleinerem Rahmen zu genießen. Das Wetter war hervorragend, und so drängten sich etwa 100 Gäste auf der Terrasse und im Garten des Vereinsheimes.  Noch ältere Kapitäne, die mich geprägt hatten, Fliegerkameraden aus ganz Schleswig-Holstein, Familienangehörige und Freunde aus Nah und Fern waren angereist, um mit mir zu feiern. Georg Kohne, Burkhard Jacobfeuerborn und Jan Frieben, allesamt Kameraden aus Junkers- und Conniezeiten gaben noch ein kurzes Schauspiel. Sie stellten die Ju, die Connie und so einige andere Flugzeuge dar, die sich nachts in und vor einem Hangar über das Gerücht unterhalten, dass Capt. Cordes aufhören wolle und ließen so meine Laufbahn in 15 Minuten noch einmal Revue passieren. Und da ist es dann doch passiert – ich habe ein paar Tränchen vergossen. Vor allem der letzte Satz „Ein Kapitän mit Ecken und Kanten – und eben deswegen immer eine runde Sache!“ ist mir zu Herzen gegangen. Wenn das von mir als Kapitän in Erinnerung bleibt, kann ich sehr gut damit leben.
Und der allerletzte Akt kam dann. Ich nahm eine leere Mineralwasserkiste, dreht sie um und stellte mich drauf, damit mich auch alle sehen konnten. Noch einmal trug ich ein kurzärmliges Uniformhemd mit den vier goldenen Streifen auf den Schultern und meine Uniformmütze. Ich überreichte meiner Astrid einen Strauß aus 37 Rosen – eine für jedes Jahr, das ich sie alleine gelassen hatte. Und dann bat ich Philipp nach vorne, meinen letzten und so gut arbeitenden Ersten Offizier. Ich löste meine Schulterstücke vom Hemd und drückte sie ihm in die Hand, auf dass er sie recht bald weitertragen darf, verdient hat er das schon lange, aber das interessiert die wirtschaftliche Entwicklung des Luftverkehrs nun mal nicht. Und zum Schluss nahm ich die Kapitänsmütze mit den Worten „Und nun nehme ich sie ab und setz‘ die Thermikmütze auf!“ vom Kopf.


Und seitdem? Ruhestand? Pas du tout! Der Zeitplan ist voll, die Termine jagen einander, aber es sind nur Dinge dabei, die ich tun möchte, wie und vor allem WANN ich will – herrlich. Non, je ne regrette rien! Ich hatte eine tolle Laufbahn, habe viel gesehen und erlebt und (fast) jeden Tag und jeden Flug genossen. Aber der Zeitpunkt zum Aufhören war genau richtig gewählt, denn noch viele andere und spannende Dinge harren des Erlebens und des Erledigens.
Liebe Lufthansa-Kollegen, fliegt fleißig, damit meine Pension erwirtschaftet wird, denn Ihr habt von meiner Arbeit Eure Ausbildung bezahlt bekommen. Der Kreis hat sich geschlossen.
Und an alle: DANKE!