Gelungener Auftakt der Streckenflugsaison

Eigentlich sollte es ja im April mit dem Bergfalken nach Unterwössen zum Alpensegelfliegen gehen, aber mein Freund Jens „hatte Rücken“, und das ist keine gute Voraussetzung für stundenlanges Kauern im Bergfalken, und so musste das Vorhaben leider kurzfristig abgesagt werden.
Ich habe mir stattdessen den Discus geschnappt und bin am Montag, dem 18. April in aller Herrgottsfrühe (04 Uhr morgens) nach Waldeck aufgebrochen, denn die eingeflossene kalte Meeresluft geriet immer mehr unter Hochdruckeinfluß, und der Wind sollte frisch aus westlichen Richtungen wehen, so daß die Hoffnung auf die Ausbildung von Wolkenstraßen berechtigt war.
Die Temperatur am Boden beim Start um 11 Uhr betrug gerade mal 5°C, und deswegen hatte ich mich in Skianzug und Moonboots warm eingepackt, selbst Fausthandschuhe hatte ich griffbereit im engen Cockpit verstaut.
Schon auf den ersten Metern des Flugzeugschlepps war die kräftige Thermik zu spüren, die Sicht in der kalten Luft war schier grenzenlos, und der Wind wehte kräftig aus westlichen Richtungen. In 500 m über Grund klinkte ich aus und drehte mit dem Wind nach Osten. 500 km zu erreichen oder zu überbieten war mein Ziel. Von Waldeck aus 125 km mit dem Wind bei der noch nicht so hohen Wolkenbasis nach Osten, dann in der Mittagszeit, wenn die Sonne am höchsten steht und die Thermik am kräftigsten ist, gegen den Wind 250 km nach Westen wieder an Waldeck vorbei über das Sauerland in Richtung Ruhrgebiet und dann wieder zurück nach Waldeck. Und so kam es dann auch. Die erste Wende, den Flugplatz Bad Frankenberg nahe des Kyffhäusers in Sachsen Anhalt erreichte ich bereits nach knapp eineinhalb Stunden mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 95 km/h. Nach der Wende flog ich zunächst ein Stück nach Südwesten, um mich unter eine besser aussehende Wolkenstraße zu hängen. Unter der ging es dann mehr oder weniger im Geradeausflug bis nach Lüdenscheid, 237 km fast nur geradeaus. An manchen Stellen konnte man mit Mindestfahrt ohne zu kurbeln mit fast 5 m/s steigen, der GPS-Schrieb weist an einer Stelle sogar ein Steigen von 8,2 m/s auf.
April und Mai sind gute Jahreszeiten für den thermischen Segelflug in Deutschland. Kommt die Luft aus polaren Regionen zu uns, ist sie noch richtig kalt. Die Sonne hat aber schon viel Kraft und kann sie kräftig erwärmen. Wenn Feuchtegehalt und Luftdruck dann stimmen, so daß sich Cumuli ohne Tendenz zur Überentwicklung und Ausbreitung an einer Inversionsschicht bilden, dann stimmt alles. An diesem Tag kam noch frischer Wind hinzu, dessen vertikales Profil die Ausbildung von Wolkenstarßen begünstigte.
So konnte ich kilometerweit einfach geradeaus fliegen, mal schneller, wenn das Steigen nachließ und wieder langsamer bis kurz vor den Strömungsabriß, wenn es kräftig aufwärts ging. So war auch gegen den Wind wie erwartet zügiges Vorankommen möglich.
Nach ungefähr 5 h Flugzeit erreichte ich Lüdenscheid und wendete erneut. Jetzt ging es wieder mit Rückenwind zurück nach Waldeck. Als ich den Platz fast erreicht hatte, war die Thermik immer noch kräftig, und ich beschloß, noch ein paar Kilometer dranzuhängen, flog also nochmal Richtung Westen gegen den Wind, bevor ich endgültig zum Startplatz zurückflog, wo ich dann nach 6 h und 27 Minuten wieder landete – glücklich und durchgefroren. Wie ich schon bei anderer Gelegenheit sagte: das Herz ist warm, aber die Füße sind kalt.
Die Auswertung des Fluges ergab eine zurückgelegte Strecke von 543 km und damit eine neue persönliche Bestleistung nach meinem Flug von Waldeck nach Stralsund am 11. August 2014. Man hätte sicher auch noch weiter fliegen können, aber da ich quasi ohne Rückholer unterwegs war, ließ es ich eher vorsichtig angehen – und so bleibt auch noch „Luft nach oben“.

Es hat sich aber bewährt, die Nase im Winter in die Bücher zu stecken, und die Kenntnisse der Flugmechanik des Segelfliegens und der Meteorologie des Streckensegelfluges zu vertiefen. Segelfliegen ist das Zusammenführen theoretischer Kenntnisse, fliegerischer Fertigkeiten und der Fähigkeit zu stundenlanger Konzentration unter nicht eben einfachen physikalischen Umgebungsbedingungen wie räumlicher Enge, relativ geringem Sauerstoffpartialdruck und an diesem Tag auch empfindlicher Kälte. Ich habe zeitweise fast 2.000 m Höhe erreicht, und die Temperaturen erreichten dort Werte zwischen -10 bis -15 °C. Dazu bin ich meist im Schatten der Wolkenbasis geflogen, so daß die kräftige Frühjahrssonne zwar die Luft, nicht aber mich erwärmen konnte.
Und dennoch, oder auch gerade deswegen war es so schön. Wetterlage am Vortag erkannt, zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen, die Tagesaufgabe richtig bemessen und beherzt angegangen. Das ist Streckensegelflug – für mich die schönste Art zu fliegen und zur Nachahmung dringend empfohlen.